Sonntag, 26. September 2021
Von den Betrügereyen in den Mühlen Drucken

Auszug aus der Oekonomische Encyklopädie von J. G. Krünitz über die Betrügereien in den Mühlen. (erschienen 1804):

 

"An den Orten wo eine gute Mühlenwage, welche sowohl auf trockenes als genetztes Getreide Rücksicht nimmt, bestellet ist, wird es mit den Betrügereyen, denen die Mahlgäste in den Mühlen ausgesetzt sind, so viel nicht auf sich haben, vorausgesetzt, daß der Müller von gutem Getreide kein schlechtes und verfälschtes Mehl liefern darf, und daß also auch hierüber ordnungsmäßig gewacht wird.

Ohne Mühlenwage bleibt aber den Müllern und ihren Leuten, wenn sie einmahl unredlich handeln wollen, ein weiter Spielraum zu Bevortheilungen mancherley Art übrig; und da es noch so viel Länder gibt, wo man keine Mühlenwagen hat, wo sie wenigstens nicht immer nach billigen und festen Grundsätzen angewendet werden: so ist es kein Wunder, daß man in vielen Gegenden so endlose Klagen über die Betrügereyen der Müller hört.

Es ist aber vor allen Dingen wohl zu merken, daß viele Mahlgäste selbst den Müllern zu Betrügereyen Veranlassung geben. Sie wollen nähmlich den Müller um seinen von der Obrigkeit verordneten, und längst hergebrachten Lohn betrügen, indem sie statt 1 Scheffel 1 1/2, auch wohl 1 3/4 und 2 Scheffel einsacken, und diese Quantität in der Mühle nur für 1 Scheffel vermetzen und verlohnen lassen.

Um nun die Mühle nicht leer stehen zu lassen, so ist der Müller gezwungen, dieses dem Mahlgaste zu verstatten, und sich auf eine andere Art schadlos zu halten.

Hierzu ist der zweyte Knappe, oder so genannte Große, vermöge einer alten hergebrachten Gewohnheit, verpflichtet, dem Bauer, das, was er nicht gutwillig zur Metze geben will, heimlich zu entwenden, und es dem Müller für einen geringen Lohn zu bringen, und dieses wissen diese Knappen werkstellig zu machen, wenn auch gleich der Bauer und Mahlgast seine ganze Familie zu Aufpassung mitbringt.

Da nun diese Mühlbursche ein geringes für dieses Getreide von dem Müller bekommen, so unterlassen diese freylich nicht, auch etwas für sich zu nehmen, und solches um den gewöhnlichen Preis an andere Leute zu verkaufen, und auf diese Art muß der Gast mehr einbüßen, als wenn er dem Müller von jedem Scheffel eine Metze gegeben hätte.

Eine zweyte Ursache der Betrügereyen in den Mühlen ist die so sehr tadelnswürdige Einrichtung der Müller unter sich selbst, daß sie das Metzen des Mahlgetreides ihren Gesellen und Burschen überlassen, und auf diese Weise sich und die Mahlgäste betrügen lassen müssen.

Um ein gutes Mahlgeld zu erhalten, so metzt der Knappe oder Metzer von den 24 Säcken Getreide, die der Bauer bringt, nur 13 bis 14 Säcke, und da in diesen 24 Säcken bisweilen 36 bis 40 Scheffel Getreide stecken, so muß der Müller oft 24 bis 28 Metzen Lohn einbüßen, oder zu dem Betruge, wie oben gesagt worden ist, seine Zuflucht nehmen, und dem Mahlgast mehr nehmen lassen, als die ordentliche gesetzte Metze austrägt. Freylich gewinnen hierbey die Bursche zuweilen mehr, als ihre Herren, wie dieses manche Erfahrung lehrt.

Diesem so verhaßten Uebel kann nun freylich nicht anders, als von oben herab abgeholfen werden. Es muß schlechterdings den Bauern, Bäckern und übrigen Mahlgästen bey ernstlicher Strafe gebothen werden, den Müller Scheffel für Scheffel metzen zu lassen, und nicht selbst Anlaß zur Betrügerey zu geben.

Es muß aber auch dem Müller gebothen seyn, sein Mausethier, den zweyten Burschen, abzuschaffen, und dem Mahlgaste, so bald er seine gehörige Metze erhalten hat, das Seinige in Ordnung wieder zu geben. Ferner muß auch eine gewisse Ordnung für sämmtliche Mühlburschen errichtet werden, wonach selbige im Zaum gehalten werden können. Denn wie jetzt die Einrichtung und Verbindung unter ihnen in manchen Ländern ist, so ist kein Mühlherr und keine Obrigkeit im Stande, die Mißbräuche, die unter ihnen herrschen, abzustellen, und Ordnung zu erhalten und so lange dieses Uebel nicht bey der Wurzel mit dem größten Nachdruck ausgerottet wird, so lange wird man noch über Betrügereyen in den Mühlen klagen und schreyen hören.

Es muß aber auch den Müllern auferlegt werden, sich selbst um das Metzen zu bekümmern, und nicht die Bursche damit walten zu lassen, wie sie wollen, um dadurch allen Anlaß zur Betrügerey zu verhüten und zu vermeiden; und endlich muß der Müller seinem Burschen ein ordentliches Lohn geben, womit er auskommen kann, damit er nicht gezwungen ist, seinen Unterhalt zu erstehlen.

Die Art und Weise, wie manche Müller oder ihre Leute das Getreide oder Mehl der Mahlgäste außer dem Metzen in ihre Gewalt zu bekommen wissen, ist so mannigfaltig und oft so versteckt, daß es fast vergebens ist, ihnen nachzulauern. Manche haben hier und da heimliche Röhren angebracht, die sie nach Belieben öffnen und schließen können, und die dazu bestimmt sind, das Getreide abzuleiten, oder was sie sonst für Mittel und Wege zu ihrem Zwecke zu gelangen, ersonnen haben mögen.

Oft büßen die Mahlgäste an den Orten, wo die Aufsicht über die Mühlen fehlt und keine Mühlenwagen sind, ein Beträchtliches an ihrem Getreide ein, welches sie zur Mühle schickten, ohne daß der Müller oder seine Leute eigentlich die Absicht haben, die Mahlgäste um ihr Getreide zu bringen.

 

1) Ist ein schlechtes unsauberes Mühlwerk, welches in vielen Mühlen, und leider bey den mehrsten Müllern geführt wird, die Ursache, warum der Mahlgast sein Gehöriges nicht wieder zurück bekommt; manchmahl

  1. ein rinnender Buchs;
  2. eine schlechte alte Zarge;
  3. ein rinnendes Mahlrohr und alter löcheriger Trichter;
  4. das Schwanken der Steine, vornehmlich des Laufers;
  5. ein altes vernachlässigtes Mühlbütt, welches, weil die ganze Last der Steine darauf ruht, gut verwahrt seyn muß, damit das verschüttere Schrot nicht in die Kammgrube fällt, welche in vielen Mühlen stinkendes Wasser und sonstige Unreinigkeiten etc. enthält, wodurch dem Mahlgast das hinunter gefallene verlohren geht.
  6. Ein schlecht verwahrter Beutel und Vorkasten etc.

Der Fußboden ist in vielen Mühlen weder mit feinen Platten, noch mit abgehobelten, zusammen gefügten Dielen belegt, sondern er sieht aus, als wenn er für einen Stall zurecht gemacht wäre.

Für dieß alles hat mancher gewissenlose Mühlknecht oder Müller kein Gefühl, oder wenigstens Achtung: warum? -- weil es beyde nicht interessirt, wenn der Mahlgast auf diese Art um das Seinige kommt.

Zumahl wenn die Mühle eine Bannmühle ist. Wenn über vorgeschriebene Puncte keine gesetzliche Ordnung oder Aussicht gehalten wird, dann kann unmöglich der Mahlgast sein Gehöriges bekommen, darum er auch mit Recht zu klagen hat.

 

2) Liegt an manchen Orten in der schlechten Zunft oder Innungs-Ordnung, welche die Müller ohne Polizey-Aufsicht haben, daß Bevortheilungen entstehen. Denn jeder Müllermeister und sein Knecht können willkührlich mit ihren Mahlgästen umgehen, wie sie wollen, weil sie wissen, daß der Mahlgast nicht weiß, an welche Ordnung er sich zu halten oder zu wenden hat.

Denn man kann daraus schließen, daß Bevortheilungen geschehen, sowohl bey den Müllermeistern, als bey den Knechten oder Mühlburschen, indem letztere gleich in einem Orte, wo sie arbeiten, solche Leute an der Hand haben, die ihnen das Entwendete für ein Spottgeld abnehmen.

Der Müllermeister thut zwar, wenn er dahinter kommt, seinen Knecht, zur Satisfaction seiner Mahlkunden, wohl aus der Arbeit, und gibt ihm seinen Lohn, der Bursche aber geht in eine andere Mühle, und dieser Müllermeister gibt ihm auch Arbeit, und sollte er in der nähmlichen Zunft, oder gar in dem nähmlichen Orte seyn.

Dieses sind die Hauptunordnungen, welche in den Mühlen herrschen; sie können bloß durch eine gute Polizey-Aufsicht abgestellt werden. Nähmlich:

  1. Könnte man, was die Sauberkeit des Mühlwerks betrifft, in einer Stadt, einem Flecken, oder wo die mehrsten Mühlen sind, vom Amt oder Zent wegen, eine Commission nieder setzen, welche aus Männern bestehen müßte, welche das Müllerhandwerk gelernt und bewandert hätten, in einem guten Rufe ständen, und kein gemeinschaftliches Interesse mit den Müllern hätten.
    Es finden sich ja überall solche Männer, welche das Müllerhandwerk gelernt haben und bewandert sind, doch aber keine Gelegenheit haben, Müllermeister zu werden oder eine Mühle zu kaufen.
    In Ermangelung dieser aber könnte man auch Müllermeister, welche guten Ruf und das Lob ihrer Mahlgäste haben, nehmen. Diese Commission könnte dann unter der Leitung der Polizey, und unter Begleitung eines Polizey-Bedienten die Mühlen besichtigen, die oben beschriebenen Puncte, und nach ihrer Einsicht noch mehrere genau untersuchen, den Müllern das Feh lerhafte anzeigen, um es in die gehörige Ordnung zu richten, widrigen Falls sie mit einer angemessenen Strafe bedrohen und ansetzen, bis die Mühlen in der vorgeschriebenen Ordnung sind; alsdann diese Besichtigung alle Monath fortsetzen.
  2. Sollte man, was der Müller ihre Zunft anbelangt, solche Männer in die Zunft mit einziehen und zu Meistern machen, als Melber und Mehlhändler, welche gelernte und bewanderte Müller sind.
    Denn diese Männer allein können den Müllern Gesetze, was die Mahlordnung und Bevortheilungen betrifft, vorlegen; können auch, im Fall der Müller einen Mahlgast bevortheilt, den Ausschlag geben, in wie fern es mehr oder weniger ist; indem solche Melber oder Mehlhändler nicht im geringsten gemeinschaftliches Interesse mit den Müllern haben, weil sie selbst ihr eigenes Gut den Müllern anvertrauen müssen. Dann könnte man auch diese Männer zur vorgeschlagenen Mühlen-Commission mit zuziehen, damit der Bevortheilte weiß, wohin er sich zu wenden, und der Bevortheiler, vor wem er sich zu scheuen hat.

Es gibt noch eine andere Art Mühlen, welche auf einem nie an Wasser Mangel leidenden Flusse liegen, wo die Müller und ihre Bursche ungestört treiben können, was sie wollen; denn, wenn andere kleine Bachmühlen bey trockener Jahrszeit versiegen, so ist der Landmann gezwungen, zu jenen manchmahl sehr weit in die Mühle zu fahren, und sich auf beliebige Art behandeln zu lassen, weil er sonst nirgends gemahlen bekommt, und bey keiner Ortsobrigkeit dagegen protestiren kann und darf.

Es können auch die Mühlburschen besser in Respect erhalten werden, wenn solche Männer mit in den Zunftsachen zu sagen haben; denn ohne dieses können die Müller mit ihren Burschen harmoniren, und über sie richten, wie sie wollen. Denn wenn sich ein Mühlbursche auf oben besagte Art beträgt, so wird er nicht nur von der Obrigkeit bestraft, sondern auch aus der Zunft gestossen, ihm keine Arbeit und keine Kundschaft gegeben.

Da manche andere Arten der Betrügereyen in den Mühlen im obigen schon gerügt, und die Mittel angezeigt worden sind, wie man sie abstellen könnte, und da die allermehrsten immer nur bey mangelhafter Aufsicht von Seiten der Polizey statt finden, welche Aufsicht man doch billig immer als sehr zweckmäßig und thätig voraus setzen maß, weil sonst alle Vorschläge und Gesetze nichts helfen: so will ich hierüber nichts mehr hinzu fügen."